Was ist Vipassana und was ist meine Erfahrung damit?

Vipassana ist eine 2500 Jahre alte Meditationstechnik aus Indien. Es bedeutet so viel wie: „Die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind“. Die Meditationstechnik soll Gotama, dem Buddha dazu verholfen haben zur „Befreiung“ oder „Erleuchtung“ zu gelangen.

Doch wie kann man sich das vorstellen?

Vipassana lehrt dich, durch Selbstbeobachtung deine Beziehung zwischen Körper und Geist zu optimieren. Bei dieser Technik konzentrierst du dich auf deinen natürlich strömenden Atem, und auf die Empfindungen die du auf deinem gesamten Körper erfährst. Durch diese Beobachtung gelingt es dir, deine geistigen Unreinheiten aufzulösen und dadurch zu einem ausgeglichenen Geist voller Liebe und Mitgefühl zu gelangen.
Für den einen oder anderen mag dies sehr esoterisch klingen, doch sollte man sich fragen ob wir diese voreingenommene Meinung nicht von der Gesellschaft vermittelt bekommen haben. Vipassana kommt zwar aus dem Buddhismus, doch hat die Technik letztendlich sehr wenig mit Religion zu tun.

Welche Regeln müssen befolgt werden?

Jeder Vipassana Schüler verpflichtet sich dazu, fünf Grundregeln einzuhalten, bist du eine alter Schüler, sind es sogar acht.

Neue Schüler verpflichten sich dazu…

  • kein lebendes Wesen zu töten
  • nicht zu stehlen
  • sich jeglicher sexueller Aktivitäten zu enthalten
  • nicht zu lügen
  • keine Rauschmittel irgendwelcher Art (einschließlich Tabak und Alkohol) zu sich zu nehmen

Alte Schüler verpflichten sich zusätzlich dazu…

  • keine Nahrung nach 12 Uhr mittags zu sich zu nehmen
  • auf sinnliche Vergnügungen und Körperschmückungen zu verzichten
  • nicht in übertrieben weichen oder luxuriösen Betten zu schlafen

Bei Beginn des Seminars werden alle Wertgegenstände, also Handy, MP3 Player, Bücher und Schreibutensilien abgegeben. Am selben Abend beginnt die songennante „edle Stille“, ein 10 Tage langes Kommunikationsverbot, weder verbal noch körperlich.

„Wenn du nicht länger alles glaubst, was du denkst, löst du dich vom Denken und siehst klar, dass der Denker nicht der ist, der du bist“ – Eckart Tolle

Was hat mich dazu bewegt dieses Seminar zu besuchen?

Das erste mal hab ich von Vipassana in einem Poscast erfahren. Damals erschien es für mich noch unmöglich, jemals ein Seminar zu besuchen an dem man in einem so kurzen Zeitraum zwischen 80 und 100 Stunden meditiert. Irgendwann habe ich mich dann doch dazu entschieden mich für diese schräge Herausforderung anzumelden, mit dem Motto:„In einem halben Jahr findet das Seminar statt, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich an dem Zeitpunkt wirklich zwei Wochen Zeit habe“.
Schlussendlich würde ich sagen mich hat die Herausforderung dazu bewegt an Vipassana teil zu nehmen. Frage dich doch einmal selbst wie viele körperliche und wie viele geistige Herausforderungen du in deinem Leben schon hattest. Die meisten werden feststellen, dass wir nur wenige geistige Herausforderungen im Leben haben, weil wir die Möglichkeit haben ihnen durch Ablenkung aus dem Weg zu gehen.

Der genaue Ablauf des Seminars:

04:00 Gong – Aufstehen
04:30-06:30 Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer
06:30-08:00 Frühstückspause
08:00-09:00 GRUPPENMEDITATION IN DER HALLE
09:00-11:00 Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer entsprechend den Anweisungen des Lehrers
11:00-12:00 Mittagessen
12:00-13:00 Ruhepause und Gelegenheit zum Interview mit dem Lehrer
13:00-14:30 Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer
14:30-15:30 GRUPPENMEDITATION IN DER HALLE
15:30-17:00 Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer entsprechend den Anweisungen des Lehrers
17:00-18:00 Teepause
18:00-19:00 GRUPPENMEDITATION IN DER HALLE
19:00-20:15 Vortrag des Lehrers in der Halle
20:15-21:00 GRUPPENMEDITATION IN DER HALLE
21:00-21:30 Zeit für Fragen in der Halle
21:30 Nachtruhe – Licht aus

Welche Meditationstechniken erlernt man in den 10 Tagen?

Die ersten 3,5 Tage erlernt man die Technik „Samma Samadhi“. Du konzentrierst dich in dieser Zeit auf das ein und ausströmen des Atems, sowie auf die Empfindungen der Zone in und unterhalb der Nase. Empfindungen können zum Beispiel Hitze, Kälte, Jucken, Pulsieren oder auch schwitzen sein. Diese Empfindungen haben wir zu jeder Zeit überall auf unserem Körper, doch unser Bewusstsein reagiert erst ab einer gewissen Intensität darauf. Durch „Samma Samadhi“ lernt man die Konzentrationsfähigkeit des Geistes zu schärfen, was sich darin äußert dass man fähig ist kleinste Empfindungen in dieser Dreieckszone (Nase, Bereich oberhalb der Lippe) zu spüren.
Die nächsten 6,5 Tage gilt es dann Vipassana zu erlernen. Es ist eine Art „Body Scan“. Nun wendest „Samma Samadhi“ auf am ganzen Körper an. Mit der Zeit wirst du feststellen, dass du die Empfindungen immer genauer erkennen kannst, wodurch sich schlussendlich ein Energiefluss ergibt.
Wichtig ist es die Empfindungen nicht zu werten, sondern diese nur zu erkennen. Diese nennt man Anicca. Anicca ist ein Naturgesetz welches besagt, dass alle Dinge vergänglich sind. Dies gilt es während der Meditation anzuwenden und auch wirklich verstehen zu lernen. Wenn du zum Beispiel ein intensives Jucken verspürst, dieses zu akzeptieren und dich nicht zu kratzen, mit dem Wissen dass dieser Reiz vergänglich ist.
Der letzte Tag des Seminars beschäftigt sich mit einer klassischen Dankbarkeitsmeditation, wobei es an diesem Tag hauptsächlich darum geht sich von den letzten Tagen zu erholen und sich wieder an die „normale Gesellschaft“ zu gewöhnen.

Mit Welchen Herausforderungen wird man in den 10 Tagen konfrontiert bzw. was habe ich gelernt?

Natürlich beschäftigt ma sich in den Tagen nicht nur mit der Meditationstechik, die Zeit konfrontiert einen auch mit vielen Ereignissen aus der Vergangenheit. Ich muss sagen dass diese Erfahrung eine der härtesten Erfahrungen meines Lebens waren. Stell dir vor, du wirst in dieser Zeit mit einer sehr schmerzhaften Erfahrung aus der Vergangenheit konfrontiert. Normalerweise ist unser Geist darauf konditioniert Ablenkung zu suchen. Wir besprechen das Ereignis mit einer vertrauten Person oder suchen uns Ablenkung in äußere Tätigkeiten. Doch was wenn du deinen Geist weder ablenken kannst, noch jemanden von deinem Schmerz erzählen darfst? Genau, du musst dich damit Konfrontieren. Das heißt alle hochkommende Gefühle zu betrachten und zu akzeptieren, was eine sehr schwere Erfahrung sein kann.
Ich bin ein großer Freund der Philosophie, dass extremer Schmerz immer eine genau so große positive Veränderung mit sich trägt. Und genau das habe ich auch in den 10 Tagen erfahren, denn man hätte jederzeit die Möglichkeit, alles abzubrechen und den einfachen Weg zu gehen, doch täglich entscheidet man sich erneut zu bleiben und sich seinem Schmerz zu stellen. Genau durch diesen Schmerz habe ich in den Tagen so viel Gelernt!

Was habe ich von den 10 Tagen mitgenommen?

Der Geist such ständig nach neuen und immer interessanteren Ablenkungen. Er gibt sich niemals zufrieden. Dies war für mich nichts neues und ich wusste dies auch vor dem Seminar, doch es wirklich zu erfahren, wie schädlich das eigene Ego und Verlangen nach mehr wirklich ist, ist erschreckend. Dinge zu wissen ist gut, doch schlussendlich lernen wir nur aus den Erfahrungen. Jeder Moment im Leben erfahren wir nur ein einziges mal. Ich habe gelernt zu verstehen, dass alles vergänglich ist und es ein ziel für jedes menschliches Lebewesen sein muss, sich im gegenwärtigen Moment zu befinden.

Ein Zen-Schüler fragt seinen Meister: „Was unterscheidet den Zen-Meister von einem Zen-Schüler?“ Der Zen-Meister antwortet: „ Wenn ich gehe, dann gehe ich . Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich schlafe, dann schlafe ich.“

Jeder von uns sollte ein Werkzeug haben, mit dem es gelingt das endlose Verlangen des Geistes unter Kontrolle zu bringen. Klar wirst du dies vorerst als Zeitverschwendung betrachten, doch kann ich dir nur empfehlen dem ganzen trotz der gesellschaftlichen Meinung eine Chance zu geben.

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